 Beschreibung:
Pedalantrieb
Nach fünfzig Jahren war dank eines Rollschuh-Booms die Balancierangst überwunden. Wer sich zuerst traute, beim Zweirad die Füße auf Dauer vom sicheren Boden zu nehmen und auf Tretkurbeln zu stellen, ist noch umstritten: um 1864 Pierre Michaux oder Pierre Lallement (US-Patent).
Der Eigenbau 1869 von Philipp Moritz Fischer nach Pariser Vorbild wurde vom Schweinfurter Gemeinderat auf 1853 vordatiert. Der Antrieb funktioniert über eine starr an der Vorderradachse angebrachte Pedalkurbel. Dabei entsprach konstruktionsbedingt eine Drehung der Pedale dem zurückgelegten Umfang des Vorderrads.
Erster Hinterradantrieb
Franz Kurtz hatte bereits 1847 ein mechanisch angetriebenes Dreirad erfunden. Das Michaux-Veloziped wurde erst später gebaut. Ein britischer Getreidehändler datierte das Stangenveloziped von Thomas McCall 1869 in einer Pressekampagne Jahre später auf 1839 vor und schob es einem Verwandten unter, dem schottischen Schmied Kirkpatrick Macmillan. Solche Antriebe - z.B. in Deutschland von Johann Friedrich Trefz 1870 patentiert - funktionierten mit Stangen auf Hinterradkurbeln ähnlich wie bei einer alten Lokomotive.
Kettenradantrieb
Die Anwendung des Kettenantriebs im Fahrradbau, der durch verschieden große Zahnräder an den Kurbeln und der Radachse eine Übersetzung ermöglicht (eine Kurbelumdrehung dreht das Rad mehr als einmal), führte zum „Kangaroo“, einem gemäßigten Hochrad mit beidseitigem Kettenantrieb am Vorderrad. Doch erst der 1878 eingeführte einseitige Kettenantrieb des Hinterrades konnte sich wirklich durchsetzen – die Konstruktion war einfacher und stabiler, das Rad wegen der Entkoppelung von Antrieb und Lenkung leichter zu fahren, und die Sitzposition zwischen Vorder- und Hinterrad gewährleistete ein wesentlich sichereres Fahrverhalten.
Das Hochrad
Um mit dem Tretkurbelrad höhere Geschwindigkeiten fahren zu können, vergrößerte man das Vorderrad. Das Übersetzungsprinzip war bis dahin unbekannt. So entwickelte sich 1870 das Hochrad. In vielen Städten wurde das Hochradfahren sogleich verboten, in Köln noch bis 1894.
Pioniere in Sachen Fahrrad mit Vorderradantrieb waren entweder Pierre Michaux oder Pierre Lallement, der 1866 ein US-Patent darauf erhielt. Die Fabrikantensöhne Olivier vermarkteten mit Michaux das Tretkurbelrad kommerziell. Die französische Binnennachfrage übertraf jederzeit weit das ständig steigende Angebot. Erst in Folge der Weltausstellung 1867 in Paris, auf der Michaux warb, erregten Tretkurbelräder im übrigen Europa Aufmerksamkeit. In England bekam 1868 James Starley, technikbegeisterter leitender Angestellter einer Nähmaschinenfabrik, ein Michauxrad in die Hände, befand es für zu schwer und unhandlich. Er entwickelte ein epochal neues Fahrradmodell, das als "Ariel" ab September 1871 angeboten wurde. Es verfügte über Vollgummibereifung mit Drahtspeichen. Das Vorderrad war mit 125 cm Durchmesser deutlich größer als die bis dahin üblichen und deutlich größer als das Hinterrad mit 35 cm. Auf der Weltausstellung 1871 in Paris zeigte Starley ein Hochrad mit 2,50 m Vorderrad-Durchmesser, das der Kundschaft die bezweifelte Belastbarkeit von Drahtspeichen beweisen sollte.
Eine wichtige Voraussetzung für das Hochrad war die Erfindung gespannter, nur zugbelasteter Stahlspeichen durch Eugène Meyer (1869).
Das Hochradfahren verlangte deutlich mehr Geschick, besonders beim Auf- und Absteigen. Durch den hohen Schwerpunkt (der Sattel befand sich rund 1,5 Meter über dem Boden und nur wenig hinter der Vorderachse) drohte Hochradfahrern bei Bremsmanövern oder Straßenunebenheiten die Gefahr, sich zu überschlagen. Dennoch wurden mit Hochrädern auch Radrennen gefahren, wobei Geschwindigkeiten von deutlich mehr als 40 km/h üblich waren. Tödliche Kopfstürze waren nicht selten. Die Entwicklung geriet gleichwohl in eine Sackgasse.
Trotz seiner Schwächen hielt das Hochradfahren lange das Monopol auf dem Markt der Zweiräder. Dies auch, weil sich der Hochradfahrer vom normalen Bürger "abhob". Er überragte ihn geradezu im doppelten Sinne. Das Hochrad war ein Dandy-Fahrzeug - gemessen an der damaligen Kaufkraft - zum Preis eines kleinen Autos.
Obwohl das Hochrad eine "technische Fehlentwicklung" ist, hat es sich bis heute eine Fangemeinde von Idealisten (oder
Individualisten) zu bewahren verstanden. Das Hochrad erfordert eine vorausschauende Fahrweise, ein Fahren mit allen Sinnen.
Der fehlende Freilauf verlangt ein gleichmäßiges Treten bei ebenso gleichmäßiger Geschwindigkeit, erhöhten Kraftaufwand
bergauf und Gegendruck auf die Pedale bergab, ein meditativ empfundenes Treten, verstärkt durch den - nach heutigen
Maßstäben - eklatanten Mangel an technischen Raffinessen. Die "Penny Farthings", so genannt nach den ungleich großen
Münzen einer alten englischen Währung, sind auch heute noch Aufsehen erregende Fahrzeuge.
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